Homo indivisus

Der unteilbare Mensch

Die fortschreitende wissenschaftliche Spezialisierung in allen Bereichen der Natur hat auch vor dem Menschen nicht halt gemacht. Wir sind dabei, das komplette Universum zu analysieren, was als Mittel eines letztendlichen Verstehens gehuldigt wird, einer unstillbaren Wissensgier des menschlichen Verstandes entspringt und daher an seine natürlichen Grenzen stößt. Wissen wird von außen erworben, wir lernen um zu wissen, aber wir leben um zu erkennen. Erkenntnis kommt von innen her, wird nicht erworben sondern offenbart sich. Wissen ist labil, kann verloren gehen, überholt sein, Erkenntnis ist die Offenbarung des Wirklichen und daher allgegenwärtig und unwandelbar. Indivisus, unteilbar - der Mensch als Individuum wird mehr und mehr analytisch betrachtet ohne jedoch das Wesentliche erfassen zu können, dass dem Gegensätzlichkeit schaffenden Verstand verborgen bleiben muss. Alles Denkbare ist geschaffen, also bedingt und dadurch begrenzt. Auch im medizinischen Bereich wird die Spezialisierung als der Schlüssel zu einem grenzenlosen Verständnis angesehen. Aber der analytisch arbeitende Verstand kann niemals grenzenlos sein, denn Analyse bedeutet eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt in seine Bestandteile zerlegt wird. Dies bedeutet wiederum unzählige Einzelteile zu schaffen und damit eine Vielzahl von Grenzen. Die Summe der Teile ist nicht das Ganze, was auch die Synthese scheitern lässt. Der Versuch durch Analyse oder Synthese, das Wesentliche zu erfassen oder zu verstehen, widerspricht daher jeglicher Logik. Wissen ist heute in der Wissenschaft das Maß für unser Weltbild und wird in Beziehung zum Glauben als das reale, nachweisbare angesehen. Das Unteilbare, die Existenz an sich, besteht demnach nicht aus Teilen, kann daher weder analysiert noch synthetisiert werden. Die über Jahrtausende aus der Existenz hervorgegangenen einzelnen Disziplinen der Medizin, Psychologie, Philosophie und Spiritualität sind keine Aspekte der menschlichen Existenz, sondern nur die Betrachtungsweise dessen was unteilbar (Indivisus) ist. Aus der begrenzten menschlichen Wahrnehmung heraus sind die disziplinären Spezialisten hervorgegangen. Gerade in der modernen Humanmedizin wird das Spezialistentum als das Nonplusultra gesehen, was jedoch auch die Frage aufwirft, ob das therapeutische Eingreifen in Teilbereiche eines konstitutionellen Ungleichgewichts, das Beseitigen von Symptomen der menschlichen Existenz und damit der Heilung gerecht wird. Heilung als Begriff wird dadurch auf die Symptomfreiheit und optimale biologische Funktionalität der komplexen menschlichen Existenz reduziert. Komplexität betrifft zwar die menschliche Erscheinung aber keineswegs das menschliche Wesen. Wir können aber nicht wirklich von Heilung sprechen auf der Ebene der Komplexität der menschlichen Erscheinungsform ohne das unteilbare Wesen mit einzubeziehen, das heißt ohne das Selbst verwirklicht zu haben. Ist der Mensch aber nicht erst wirklich Heil wenn er im Einklang mit sich und der Welt ist? Körperliche Gesundheit, eine positive Lebens-Philosophie, einen ausgeglichenen psychischen Zustand und fortschreitende spirituelle Erkenntnis führen den Menschen zum Heil sein und in der Vollendung zum Heilig sein. Heilig im Sinne seiner Existenz und nicht seiner Lebensäußerungen.

     

Waren in der alten griechischen Medizin des Hippokrates nur aus mangelnden pathologischen und physiologischen Kenntnissen die Psyche, Philosophie, Musik, Dramen und Spiritualität ein wesentlicher Bestandteil einer Therapie? Oder wurde der Mensch als unteilbar, indivisus erkannt? In der alten indischen Heilkunde, dem Ayurveda, der Wissenschaft vom Leben, finden wir in der Definition von Gesundheit unter anderem Aussagen wie: einen fröhlichen und angenehmen psychischen Zustand, ein verständiges und angenehmes Gemüt, gute Sozialkontakte der Konstitution, Gesellschaft, Alter und Geschlecht entsprechend, positives Denken und ein Spirituelles gegründet sein. Ayurveda als ein Weg zur Selbsterkenntnis. Der Vedanta, eine der Basisphilosophien des Ayurveda sieht Individualität als eine Illusion in dem Sinne, dass der Mensch ein Teil der gesamten Erscheinungswelt, Maya, ist und somit nicht gesondert gesehen werden kann. Dem Wesen nach göttlich  jenseits jeglicher Gegensätzlichkeit, aus sich selbst heraus existierend.                                                                                                               

Die modernere Form der alten indischen Lehre vom Grundton des Menschen, die Sama Sonologie nach Dr. Mukunda (Atomphysiker und Musiker) ist ein weiterer Hinweis auf eine komplexere Wahrnehmung des Menschen. Wie schon erwähnt finden wir all dies auch heute, aber meist als mehr oder weniger voneinander getrennte Disziplinen und nicht als ein ganzheitliches Menschenbild. All diese Aspekte sind Ausdruck des Lebens, aber nicht das Leben selbst. Was heißt es dann zu leben? Leben wir wirklich wenn wir nicht glauben? Schon die Aussage von Christus „Der Mensch lebt nicht von Brot allein“ im neuen Testament ist ein Hinweis auf eine geistige, spirituelle  Heilenergie des Glaubens. Der menschliche Organismus als Ausdruck des Lebens, aber nicht der alleinige oder dominante, der offensichtlichste sicherlich, daher an erster Stelle im Fokus der Sinnen geprägten Wahrnehmung einer materialistischen Gesellschaft. 

Wissen ist heute in der Wissenschaft das Maß für unser Weltbild und wird in Beziehung zum Glauben als das reale, nachweisbare angesehen. Der Arzt weiß und fordert den Patienten trotzdem auf, an die Heilung zu glauben. Kann angewandtes Wissen ohne Glaube zur Heilung führen? Wenn wir den Begriff Heilung auf die schon oben erwähnte Symptomfreiheit und optimale biologische Funktionalität der komplexen menschlichen Existenz reduzieren, sicherlich. Das unveränderbare aus sich selbst heraus existierende Wesen, die symptomfreie Existenz an sich, trägt in keiner Weise etwas zu einem Ungleichgewicht bei, ist aber durch Selbsterkenntnis die Matrix des Heil-seins. Symptome treten in der Körperlichkeit und der Psyche auf, aber auch eine instabile Lebensphilosophie kann dem Heil-sein entgegenstehen.                                                  

Die zentrale Frage „wer bin ich“ endet final nicht im Wissen sondern in der Selbsterkenntnis unabhängig von körperlicher Versehrtheit. Bewusstsein ist die Matrix der allumfassenden Erkenntnis. Heilung, Heil-sein und Heiligkeit sind drei Begriffe die den Weg der menschlichen Erkenntnisfähigkeit aufzeigen. Der Mensch ist göttliche, unvergängliche Existenz, die von der Natur bewirkt, sich im Vergänglichen bindungslos ausdrückt. Heilig seinem Wesen nach und Heilung erfahrend in der Komplexität seiner individuellen Erscheinung.  

 

Praxis für Ayurveda-Medizin Nordheide

M. Rohrschneider     

Heilpraktiker für Ayurveda-Medizin und Psychotherapie

 

Februar 2020

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